Stefan Wissel

Bewegung 15. Juli

5. März bis 1. Mai 2016
Eröffnung: 4. März 2016, 19.30 Uhr

Nimmt man eine klassische Erzählung der Kunst des 20. Jahrhunderts ernst, unterscheiden sich Dinge, wenn sie der Kunst zugeschlagen werden, kategorial von allen anderen Dingen. Dieser Unterschied lässt sich allerdings an den Dingen selbst weit weniger festmachen, als an den spezifischen Bedingungen wie und in welchem Rahmen sie von der Produktion bis hin zu ihrer Verwertung ‚als Kunst’ verwendet werden. Damit schwenkt der Fokus zuerst einmal von den Dingen weg auf die sozialen Verhältnisse, aus denen sie zum einen als deren Materialisierung hervorgehen und zum anderen diese Verhältnisse ihrerseits wieder etwa durch ihren spezifischen Gebrauch konfigurieren. Dann rastet er aber auf einem Sonderfall ein: dem bloßen ‚Ding Kunst’.

Im Rahmen seines seit Anfang der 1990er Jahre entstehenden Werks setzt Stefan Wissel explizit auf Dinge. Seine größtenteils objekt- aber auch bildbasierten Arbeiten integrieren direkt Objekte des Alltags, verwenden aber auch entlegene Materialien. Funktions- und Designgegenstände werden ebenso eingesetzt wie rohe Dachlatten und verzinkte Metallprofile, Benutztes und Neues, Waren und Fundstücke, Mobiliar und Kleidungsstücke, vergleichsweise große Dinge wie ein Fahrradständer, oder kleine, ephemere wie ein Aufkleber, zielgerichtet Gekauftes und irgendwann einmal Ausgeliehenes, ausgesprochen Materielles und sozusagen Entmaterialisiertes wie der Zusammenklang verschiedener Musik.

Die Unterschiedlichkeit, ja in Herkunft und Gebrauch völlig Disparate dieser Dinge korreliert darüber hinaus mit verschiedenen Formen eingesetzter Arbeit, wenn Wissel im fast traditionalistischen Sinn der Bildhauerei Objekte selbst ‚macht’ bzw. er ihre Produktion ganz oder in Teilen an Spezialisten outsourct; oder wenn er Dinge und Situationen schlicht und ergreifend ‚nimmt’. Der einzelne, fallweise zu entscheidende und durchwegs subjektive Zugriff ist dabei das, was am ehesten einen gemeinsamen Nenner zwischen den künstlerischen Arbeiten Wissels herzustellen erlaubt.

Denn anstatt in einem ‚Ding Kunst’ aufzugehen, wird das gleichsam probeweise in eine ästhetische Versuchsanordnung gebrachte Ding, einzeln oder in Konstellation mit anderen Dingen, Herstellungs- und Verwendungsweisen zum Schauplatz genau von dem Verhältnis zwischen Material und Prozess, der Isolierung in Objekthaftigkeit und der durch Herstellung, Kontext, Verwendung ausgelösten shift, die Dinge über sich hinaustreten, immer auch eigensinnige Mittel im Dienste wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicherer Zwecke werden lässt.

Stefan Wissel (Jg. 1960) lebt und arbeitet seit Beginn seines Studiums an der Kunstakademie bei Michael Buthe in Düsseldorf. Seine Ausstellung Bewegung 15. Juli im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen versammelt Arbeiten aus einem Zeitraum von nahezu zwei Jahrzehnten und legt ihren Schwerpunkt mutwillig auf die im engeren Sinn (bildhauerisch-plastischen) Objekte des Künstlers. Zugleich Rückblick und Zusammenschau setzt diese Ausstellung eine Untersuchung über das ‚Ding Kunst’ fort, die mit der Ausstellung Ein perfektes Alibi von Walter Swennen eingeleitet wurde.

 

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Installationsansichten 2016, Foto Katja Illner