Charlotte Prodger

6. August bis 16. Oktober 2016
Eröffnung: 5. August 2016, 19.30 Uhr

Als letzte Ausstellung der thematischen Reihe zum Ding Kunst im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, zeigt die in Glasgow lebende Künstlerin Charlotte Prodger (Jg. 1974) eine Auswahl von Arbeiten der letzten zehn Jahre im Rahmen eines, speziell auf die räumliche Situation im Kunstverein, abgestimmten Parcours. Damit richtet Prodger die Aufmerksamkeit auf das Spannungsverhältnis zwischen den einzelnen Arbeiten an und für sich und dem Zusammenhang, wie ihn eine Ausstellung unweigerlich herstellt. In diesem Sinne fasst die Künstlerin die Ausstellung ganz bewusst als Format auf, das es herzustellen und zu adressieren gilt.

Insgesamt zeichnet sich Prodgers künstlerische Praxis durch die in ihren Arbeiten äußerst fein justierten Bezüge zwischen deren jeweiligen display mode (also der besonderen Art und Weise, in der sich das jeweilige Werk konkretisiert) und ihrem jeweiligen Thema, mithin zwischen object und subject matter (so die gängige und überaus sprechende englische Idiomatik für qualitativ unterschiedliche künstlerische Materialeinsätze auf materieller und immaterieller Ebene) aus. Ihre materiale Präsenz und die in den Arbeiten angelegten und über sie vermittelten referenziellen und semantischen Ebenen erzeugen einen auf Anhieb regelrecht brutal mit anzuschauenden Kontrast, der allerdings für die subtilen Beziehungen zwischen dem, was traditionell und zugleich hilflos mit den Begriffen ‚Form’ und ‚Inhalt’ bezeichnet wird, steht.  Charlotte Prodger bezieht dabei technische Apparaturen und Technologie in durchaus zweifachem Sinne ein: dient Technik (egal ob Farbmasse, ein geschweißter Metallsockel oder ein spezieller Präsentationsmonitor) üblicherweise der Darstellung oder Aufführung eines künstlerischen Gehalts, rückt sie in Prodgers Praxis zugleich als technologisch-konzeptueller Subtext in den Fokus. Die buchstäblichen Medienskulpturen handeln etwa in ihren Kombinationen von – auf passgenau zu diesem Zweck produzierten Sockel-Regalen platzierten – Monitoren und Abspielgeräten samt entsprechender Verkabelung mit von der Künstlerin mittels unterschiedlicher filmischer Techniken produzierten Filmsequenzen immer auch inhaltlich von der wechselseitigen Durchdringung von Handlungen, Akten und Vorstellungen und den sie beeinflussenden bzw. dadurch beeinflussten Techniken. In ihren Fotografien erkundet die Künstlerin die Form und Gestalt von Pflanzen und kontrastiert die so gewonnenen Morphologien mit aus externen Parametern gewonnenen Codes, die auf den aufwändigen Rahmungen der Bilder angebracht sind und die wiederum in Wechselbeziehung zum Raum bzw. zur Platzierung in der Ausstellung treten. Ding und Kunst treten in vielfältige, divergierende und zugleich offensichtlich einleuchtende Bezüge zueinander, die sich ebenso sinnig wie mutwillig, konzeptuell einerseits begründet, aber dennoch nicht zwangsläufig – im Sinne einer ‚Lösung’ – als auflösbar begegnen.

CHARLOTTE PRODGER Ding Kunst im Kunstforum

Installationsansichten 2016, Foto Katja Illner

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Das Neue

21. Mai bis 17. Juli 2016
Eröffnung: 20. Mai 2016, 19.30 Uhr

Das Neue ist eine theoretisch schwer zu fassende Kategorie, auch, weil niemand so recht dafür zuständig ist. Wenn für ‚das Schöne’ traditionell die Ästhetik, für ‚das Gute’ die Ethik und ‚das Wahre’ die Philosophie zuständig sind, welche Theorie wäre es dann für ‚das Neue’? Auch praktisch liegt das Neue eher in der Luft, als dass es sich tatsächlich manifest machen ließe. Gerade in der Kunst wies es lange Zeit eine auffällige Konstanz hinsichtlich der Modi auf, in denen es sich artikuliert: Überbietung, Schock, Dezisionismus.

Der internationale Nachkriegs-‚Modernismus’ hatte, gut ödipal, das Neue als Letztes und Universales verfasst und damit eine Kette sich zunehmend ins Antiödipale verlagernder Endspiele in Gang gesetzt. Das Brechen mit Konventionen und Überbordwerfen von Traditionen bilden seither ihrerseits eine regelrechte ‚Tradition des Neuen’.

Mit Blick auf die news scheinen am ehesten noch Mobiltelefon- und Computerhersteller, Mode oder Militär fürs Neue zu garantieren. Wie neu sind aber die von dieser Seite ziemlich regelmäßig vorgeschlagenen Innovationen aber tatsächlich sind? Antworten Sie bitte nicht vor dem nächsten Software-Update.

Die aktuelle Kunst, die sich heute – bereits mit ihrem Namen als contemporary art – wie nie zuvor der Gegenwart verschreibt und dafür sogar ihre Geschichte und Zukunft zu opfern bereit ist, kommt schon deshalb wohl nicht in Frage. Im Vergleich zu derjenigen von vor fünfzig Jahren wäre das aber immerhin ‚anders’ und scheint, wenn nicht die Struktur der Kunst, so doch ihre soziologischen Bedingungen und kulturellen Effekte in großem Stil zu verändern. Dabei halten sich das wachsende Begehren nach Neuem gegenüber seiner Unvorstellbarkeit bisher hartnäckig die Waage. Als Regel könnte wenigstens gelten, dass es, um das Neue anzukündigen, nur ein paar Wenige braucht und zu seiner Durchsetzung vielleicht nicht Viele mehr. Aber kaum, dass etwas als das Neue breitenwirksam durchgesetzt wäre, ist es das auch schon nicht mehr. In diesem Sinn ist das Neue immer schon ein alter Hut. Und ohnehin ist es ein Mythos, dass sich das Neue als grundsätzlich progressive Dynamik vollzieht.

Konzipiert von dem in Stuttgart lebenden Graphiker, Künstler und Lehrer Michael Dreyer (Merz Akademie, Stuttgart) und Hans-Jürgen Hafner (Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf) unter Mitwirkung der Künstlers und Dramaturgen Alex Wissel ist Das Neue keine Ausstellung im engeren Sinn. Das Projekt stellt sich diskursiv als Pattern verschiedener Veranstaltungsformate mit öffentlichem Spielort im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, sowie einer von Alex Wissel  temporär eingerichteten Präsentation Das Gespenst der Freiheit. 15 Einreichungen für die MitarbeiterInnen des WDR im Kölner Sitz der Rundfunkanstalt her.

Das Neue schließt aktuelle künstlerische, filmische, musische und performative Arbeiten sowie historische Exponate, Dokumente und Archivalien ein. Das thematische Projekt fragt nach den derzeitigen Aussichten des Konzepts des Neuen und sucht sich dafür einen Vergleichspunkt in der umfassenden Popularisierung des Neuen in Kunst, Musik, Film und Architektur, wie sie die unmittelbare Nachkriegszeit, jene mirakulösen ersten Jahre des so genannten Wirtschaftswunders, kennzeichnet.

TeilnehmerInnen: Vela Arbutina, Mary Bauermeister, Otto Coester, Revital Cohen und Tuur van Balen, Michael Dreyer, Henry Flynt, Hans-Jürgen Hafner, Hans G Helms, Felix Klopotek, Norbert Kricke, Martin K. Pedersen, Marina Pinsky, Karlheinz Stockhausen und Alex Wissel

Installationsansichten 2016, Foto Katja Illner

Stefan Wissel

Bewegung 15. Juli

5. März bis 1. Mai 2016
Eröffnung: 4. März 2016, 19.30 Uhr

Nimmt man eine klassische Erzählung der Kunst des 20. Jahrhunderts ernst, unterscheiden sich Dinge, wenn sie der Kunst zugeschlagen werden, kategorial von allen anderen Dingen. Dieser Unterschied lässt sich allerdings an den Dingen selbst weit weniger festmachen, als an den spezifischen Bedingungen wie und in welchem Rahmen sie von der Produktion bis hin zu ihrer Verwertung ‚als Kunst’ verwendet werden. Damit schwenkt der Fokus zuerst einmal von den Dingen weg auf die sozialen Verhältnisse, aus denen sie zum einen als deren Materialisierung hervorgehen und zum anderen diese Verhältnisse ihrerseits wieder etwa durch ihren spezifischen Gebrauch konfigurieren. Dann rastet er aber auf einem Sonderfall ein: dem bloßen ‚Ding Kunst’.

Im Rahmen seines seit Anfang der 1990er Jahre entstehenden Werks setzt Stefan Wissel explizit auf Dinge. Seine größtenteils objekt- aber auch bildbasierten Arbeiten integrieren direkt Objekte des Alltags, verwenden aber auch entlegene Materialien. Funktions- und Designgegenstände werden ebenso eingesetzt wie rohe Dachlatten und verzinkte Metallprofile, Benutztes und Neues, Waren und Fundstücke, Mobiliar und Kleidungsstücke, vergleichsweise große Dinge wie ein Fahrradständer, oder kleine, ephemere wie ein Aufkleber, zielgerichtet Gekauftes und irgendwann einmal Ausgeliehenes, ausgesprochen Materielles und sozusagen Entmaterialisiertes wie der Zusammenklang verschiedener Musik.

Die Unterschiedlichkeit, ja in Herkunft und Gebrauch völlig Disparate dieser Dinge korreliert darüber hinaus mit verschiedenen Formen eingesetzter Arbeit, wenn Wissel im fast traditionalistischen Sinn der Bildhauerei Objekte selbst ‚macht’ bzw. er ihre Produktion ganz oder in Teilen an Spezialisten outsourct; oder wenn er Dinge und Situationen schlicht und ergreifend ‚nimmt’. Der einzelne, fallweise zu entscheidende und durchwegs subjektive Zugriff ist dabei das, was am ehesten einen gemeinsamen Nenner zwischen den künstlerischen Arbeiten Wissels herzustellen erlaubt.

Denn anstatt in einem ‚Ding Kunst’ aufzugehen, wird das gleichsam probeweise in eine ästhetische Versuchsanordnung gebrachte Ding, einzeln oder in Konstellation mit anderen Dingen, Herstellungs- und Verwendungsweisen zum Schauplatz genau von dem Verhältnis zwischen Material und Prozess, der Isolierung in Objekthaftigkeit und der durch Herstellung, Kontext, Verwendung ausgelösten shift, die Dinge über sich hinaustreten, immer auch eigensinnige Mittel im Dienste wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicherer Zwecke werden lässt.

Stefan Wissel (Jg. 1960) lebt und arbeitet seit Beginn seines Studiums an der Kunstakademie bei Michael Buthe in Düsseldorf. Seine Ausstellung Bewegung 15. Juli im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen versammelt Arbeiten aus einem Zeitraum von nahezu zwei Jahrzehnten und legt ihren Schwerpunkt mutwillig auf die im engeren Sinn (bildhauerisch-plastischen) Objekte des Künstlers. Zugleich Rückblick und Zusammenschau setzt diese Ausstellung eine Untersuchung über das ‚Ding Kunst’ fort, die mit der Ausstellung Ein perfektes Alibi von Walter Swennen eingeleitet wurde.

Installationsansichten 2016, Foto Katja Illner

Walter Swennen

Ein perfektes Alibi

28. November 2015 bis 14. Februar 2016
Eröffnung: 27. November 2015, 19.30 Uhr

Walter Swennen (Jg. 1946) hat nach ersten im Bereich der Dichtung und Performance anzusiedelnden Arbeiten seit Anfang der 1980er Jahre ein umfangreiches künstlerisches Werk entwickelt, das Malerei dezidiert als Bildmedium einsetzt. Dabei lässt es der Künstler keineswegs an konzeptueller Distanz zu einer heute wieder allzu gern zur Königsdisziplin der Kunst überhöhten Malerei fehlen. Und dennoch konzentriert er sich, was auf den ersten Blick traditionalistisch anmuten mag, ganz auf das mit allen Stärken und Schwächen malerischer Mittel eigenhändig gemachte Bild.

Es sind die materiellen Gegebenheiten der Malerei, die Konvention des Tafelbildes, die Swennen auslotet, um die Qualität ikonischer und symbolischer Zeichen generell zu erkunden. Anders gesagt testet er Bild und Wort durch die Malerei hindurch auf ihre Aussagefähigkeit und Wirkung. Dieser Ansatz ließe sich als erkenntniskritisches Projekt bezeichnen, das sich, wenngleich ganz und gar in der Malerei als Medium, Währung und Institution ausgetragen, auf philosophische, semiotische und psychologische Diskurse bezieht. Es ist insofern kein Wunder, dass jedes Bild aufs Neue sein ureigenes Problem darstellt, das jeweils für sich bearbeitet und zu einer malerischen Lösung gebracht werden, als Bild eben auch ‚gelingen’ muss. Entsprechend heterogen stellt sich das Werk Walter Swennens dar. Es lebt aus der Komplexität des einzelnen Bildes, ohne Rücksicht auf Stil, Manier oder Genre zu nehmen. 

Die in enger Zusammenarbeit mit Walter Swennen entstandene und retrospektiv angelegte Ausstellung „Ein perfektes Alibi“ im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, versammelt rund 35 Arbeiten des in Brüssel geborenen und heute wieder dort lebenden und arbeitenden Künstlers. Die Arbeiten, darunter zahlreiche Leihgaben aus Sammlungen in Belgien, Holland und Frankreich, stammen  aus einem Zeitraum von dreieinhalb Jahrzehnten und erlauben einen exemplarischen Einblick in das Werk des Künstlers, das erstmals in dieser Ausführlichkeit in Deutschland zu sehen ist.

Die Ausstellung bildet zugleich den Auftakt für eine Reihe von Veranstaltungen im Kunstverein, die sich gezielt dem problematisch gewordenen Stellenwert des Objekts in der Kunst – oder vielmehr dem ‚Ding Kunst’ – widmen wird.

Installationsansichten 2015, Foto Katja Illner

DIE KUNST DER TÜRKEN. Modernisierung als Fiktion

22. August bis 8. November 2015
Eröffnung: 21. August 2015, 19.30 Uhr

Die Frage, was Kunst eigentlich ist, hängt untrennbar mit der Frage zusammen, wem sie gehört. Gleichwohl ist es alles andere als leicht, die Eigentumsverhältnisse der Kunst zu klären. Und es nimmt kaum Wunder, wenn sie von verschiedensten Seiten, von Staat und Kapital, Religion und Aufklärung, von den für die Kunst geschaffenen und durch sie hervorgebrachten Institutionen, von ihren Kennern und den sprichwörtlichen ‚Menschen’, an die sie sich in ihrer angeblichen Allgemeinheit richtet und für die sie überall und jederzeit voraussetzungslos zugänglich sein soll, beansprucht wird. Beansprucht wird sie – gerade in der Praxis – zuerst einmal von den Künstlerinnen und Künstlern selbst. Denn niemand ‚hätte’ die Kunst so ohne weiteres und könnte frei darüber verfügen. Je selbstbewusster die Ansprüche auf die Kunst vorgebracht werden und je absoluter sie durchgesetzt werden wollen, desto strittiger wird sie und ist desto weniger zu haben. 

Eine Kunst der Türken kann es ebenso wenig geben, wie die Kunst der Deutschen, des Vatikan, der Sheikha Hoor Al-Qasimi oder eine Kunst der kritischen Praxis. Die Kunst der Türken kann somit nur – aber eben immerhin – eine Fiktion sein.

Die von Manuel Graf und Hans-Jürgen Hafner kuratierte Ausstellung Die Kunst der Türken stellt eine Fiktion her. Die Ausstellung imaginiert anhand von eigens dafür konzipierten künstlerischen Beiträgen, historischen und aktuellen Kunstwerken, Publikationen und Dokumenten, Vorträgen und Talks aus der Perspektive von heute eine moderne Kunst der Türken. Die Kunst der Türken ist der Entwurf einer hypothetischen Staatskunst, so wie sie gleichzeitig die Sammlung von konkreten, historischen und gegenwärtigen künstlerischen Ausdrucksformen, von subjektiven Ansprüchen an die Kunst ist. Die Kunst der Türken stellt einen Konvergenzpunkt zwischen den unterschiedlichsten Beanspruchungen der Kunst her, der gleichzeitig die Unmöglichkeit einer solchen Konvergenz zeigt.

Mit Abdullah Frères, Haluk Akakçe, Erdağ Aksel, Fikret Atay, Bedri Baykam, Rudolf Belling, Adnan Çoker, Manuel Graf, Hans-Jürgen Hafner, Osman Hamdi Bey, Diango Hernández, Clemens Holzmeister, Kiron Khosla, Hans Poelzig, Berthold Reiß, Bruno Taut, Yazbukey und Ahmet Ziya

 

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Installationsansichten 2015, Foto Katja Illner

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Wessen Subjekt bin ich?

9. Mai bis 2. August 2015
Eröffnung: 8. Mai 2015, 19.30 Uhr

Die Erwartungen und Ansprüche, die wir individuell wie gesellschaftlich an die Kunst adressieren, sind ebenso zahlreich wie unterschiedlich. Gemein ist ihnen ein Bedürfnis nach konkreten Lösungen und Antworten, nach einem Effekt des unmittelbar Zugänglichen, Sinnstiftenden und Verwertbaren – nicht nur in Fragen der Ästhetik, sondern auch, was konkrete gesellschaftliche und davon untrennbare technologische Problemstellungen betrifft. Und von KünstlerInnen erwarten wir, dass sie Seismografen, wenn nicht sogar Deuter ihrer Zeit sind. Mit diffuser Sensibilität und unbestimmten Kompetenzen ausgestattet, würden sie schon Antworten auf etwas antizipieren, bevor dieses Etwas als Frage oder Problem überhaupt präzise hätte formuliert werden können. 

Die thematische Gruppenausstellung Wessen Subjekt bin ich? / Whose Subject am I? beschäftigt sich mit diesem irgendwie zwar verständlichen, aber andererseits offensichtlich unmöglichen Anspruch an die Kunst. Sie tut das, indem sie nach dem Wesen und der Funktionsweise von Subjektivität im Zuge einer immer größere Lebensbereiche einschließenden Digitalisierung fragt, samt ihren längst unumkehrbaren Effekten gerade auch darauf, was als Kunst produziert wird und zirkuliert. Die Ausstellung möchte sich dem Problem stellen, das sich zwangsläufig ergibt, wenn Modelle, die aus der Philosophie, dem Politischen und Gesellschaftlichen oder Technologischen herrühren, unter den Vorzeichen der Kunst und bearbeitet im Zusammenhang einer Ausstellung – jenem gern als ästhetischem Ausnahmezustand verstandenen und daher idealerweise voraussetzungslos zugänglichen Raum – aufeinandertreffen. 

In der Ausstellung kommen Arbeiten zusammen, die, ob digital oder analog produziert, strukturell oder narrativ eingesetzt, aus unterschiedlichen Diskursen hervorgegangen und beispielsweise als Computerprogramm oder traditionell daherkommendes Tafelbild dargestellt, nicht nur auf den zweiten Blick ‚verschieden’ bleiben. So widersetzen sie sich dem verallgemeinernden Bedürfnis des Auslagerns der individuellen Verantwortung in eine sozusagen stellvertretend vollumfänglich verantwortlich gemachte Kunst. Stattdessen argumentieren sie dafür, diese als Zone kultureller, sozialer und ökonomischer Produktion und Verwertung zu fassen. Als Möglichkeit am Beispiel einzelner ‚Objekte’ der Kunst an ihr als historisch gewachsener und gesellschaftlich verfasster Formation ‚subjektiv’ Anteil zu nehmen, ist nicht das Versprechen auf einen erlösenden Abschluss. Vielmehr kann dies nur den Anfang für die jeweilige Auseinandersetzung mit den Mechanismen der eigenen Verortung sowie der Produktion von Subjektivität überhaupt bilden. 

Eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen von Hans ­Christian Dany (12. Mai), Marina Vishmidt (13. Juni) und Kerstin Stakemeier (5. Juli) dient zur Vertiefung der innerhalb der Ausstellung verhandelten Themen, auch, um für die Trennung zwischen künstlerischer und theoretischer Perspektive zu plädieren. 

Im Rahmen der Ausstellung wird Tyler Coburn seine Arbeit I’m that angel als Lesung am 7. sowie 8. Juli in einem Düsseldorfer Rechenzentrum präsentieren.

Mit Monira Al Qadiri, Thomas Baldischwyler, Johannes Bendzulla, Tyler Coburn, Aleksandra Domanović, Cécile B. Evans, Harun Farocki, Anja Kirschner & David Panos, Amy Lien & Enzo Camacho, Asier Mendizabal, Yann-Vari Schubert, The Otolith Group

Einführung: Hans-Jürgen Hafner, Direktor und Roy Huschenbeth, Kurator

Installationsansichten 2015, Foto Katja Illner

Anna Franceschini

MECHANICALLY YOURS

7. Februar bis 19. April 2015
Eröffnung: 6. Februar 2015, 19.30 Uhr

MECHANICALLY YOURS ist die erste umfassende Werkschau von Anna Franceschini (Jg. 1979) im deutschsprachigen Raum. Die von Stephanie von Gelmini kuratierte Ausstellung bringt filmische Arbeiten der italienischen Künstlerin aus den Jahren 2009 bis 2015 zusammen.

Der Ausstellungsraum wird zur Bühne für bewegte Bilder, die in unterschiedlichen Projektionssituationen präsentiert werden. Filme, kurze und lange Loops, sowie filmische Triptychen sind zyklisch zu einer räumlichen und zeitlichen Struktur verbunden. Das Arrangement folgt einer komplexen Partitur, die auf das atmosphärische Zusammenwirken verschiedener Arbeiten ebenso zielt, wie es das einzelne Werk in den Fokus zu nehmen erlaubt. Dabei werden Bewegung und Statik, Klang und Stille, das Mysteriöse und Banale der Bildwelt Franceschinis miteinander verwoben.

In den Filmen der Künstlerin spielen Dinge der Alltagswelt, Objekte und Apparaturen, aber auch Räume und Prozesse die Hauptrolle. Ihre Sujets, frei von herkömmlichen narrativen Strukturen, werden aus ihrem Kontext isoliert und im close-up der Kamera fragmentiert in Szene gesetzt. Gegenstände oder Handlungsabläufe rücken so ins Unerklärliche und versperren sich einer klaren Deutung.

Wenn das Kameraauge der Ornamentik von Wandtapeten folgt, erschließt sich daraus nicht die räumliche Situation oder gar die architektonischen Gegebenheiten, in denen die Bilder entstanden sind; die Vorgänge einer Großwäscherei verschwinden hinter einer geradezu grotesk wirkenden Apparatur, die Kleidungsstücke mit heißer Luft aufbläst und ihnen regelrecht Leben einzuhauchen scheint; eine im Wind Wogen schlagende Flagge wird durch die Kadrierung so angeschnitten, dass sich hinter ihr ein Ort zwar andeutet, dieser Ausblick im nächsten Moment allerdings wieder verdeckt wird. Das Fragment bietet Anreiz, sich das größere Ganze vorzustellen, das Phänomen in diesem Sinne zu interpretieren.

Es ist dieses merkwürdige Eigenleben der Dinge, das auf die Traditionen der neusachlichen Fotografie bzw. des modernistischen Experimentalfilms der 1950er und 60er Jahre verweist, bei dem filmische Apparatur und die Material- und Objektqualität des Gefilmten einander bedingen und damit – ohne alle Erzählung – Signifikanz herstellen. Franceschini greift auf die in der cineastischen Bildproduktion mittlerweile nicht mehr länger verwendeten Techniken von 16mm-Film sowie Super 8 zurück, wobei im Laufe ihres Arbeitsprozesses das analoge Filmmaterial in die Immaterialität digitaler Bildmedien überführt wird. Ohnehin bewegt sich ihre Arbeit formal wie thematisch zwischen den Polen der Materialität und des Immateriellen, verbindet Dingwelt und Imagination.

Die spektakulären Aufnahmen ihrer eigens für die Ausstellung produzierten Arbeit Kunstschnee wurden in Neuss in der dortigen Jever Fun Skihalle realisiert. Das daraus entstandene filmische Triptychon lässt offen, wie ‚real’ die gezeigten Szenen sind. Vermeintliche Naturgewalten und die bedrohliche Monumentalität technischer Apparate, die ins Detail gehende filmische Repräsentation und der auf Simulation basierende Originalschauplatz geraten dabei miteinander in Konflikt und lassen kaum ahnen, dass die Halle doch eigentlich als Freizeitanlage zum Wintersportvergnügen genutzt wird.

Installationsansichten 2015, Foto Katja Illner

Mit freundlicher Unterstützung von:

Tim Berresheim

Auge und Welt

20.9.2014 bis 11.1.2015
Eröffnung 19.9.2014, 19.30 Uhr

Während digitale Techniken aus dem Alltag längst nicht mehr wegzudenken sind und zunehmend aktiv gestaltend sogar in unsere persönlichsten Lebensbereiche vordringen, scheint die Beschäftigung mit diesen Techniken aus künstlerischer Perspektive immer noch erst am Anfang zu stehen. Dabei haben Digitalität, Computing und Netzkultur massive Auswirkungen nicht nur auf die Herstellung, sondern vor allem auch auf die Vertriebs- und Wahrnehmungsweisen von Information, mithin auf deren generelle Struktur, und bestimmen dadurch mehr und mehr unser grundsätzliches Verständnis davon.

Allerdings wäre kurzschlüssig zu glauben, Kunst könnte in Digitalität, Computing und Netzkultur – im Sinne einer exponentiell sich erweiternden Materialpalette – expandieren, ohne dass sie durch diese Expansion ihrerseits nicht einen grundlegenden Wandel hinsichtlich ihrer Produktion und Rezeption erfahren würde. Tatsächlich steht der eigentlichen Wahrnehmung von Kunst, das, was einst als ästhetisches Erleben bezeichnet wurde, die Gewöhnung an ihre zunehmende Medialisierung gegenüber. Das erfolgt allein quantitativ in einem Ausmaß, das das Wesen der Kunst und ihre eventuelle Bestimmung mittlerweile auch qualitativ völlig neu konfiguriert erscheinen lässt.

In Tim Berresheims künstlerischer Arbeit nimmt der Computer weniger die Rolle eines künstlerischen Werkzeugs ein. Vielmehr sind Digitalität, Computing und Netzkultur gleichermaßen das Untersuchungs- und Operationsfeld, in dem Berresheim sein künstlerisches Projekt angesiedelt hat. Neben den exklusiv am Computer entstehenden, im durchaus traditionellen Sinne bildkünstlerischen, Arbeiten umfasst dieses außerdem eine umfangreich musikalische Produktion sowie Label- und Verlagsarbeit. Wichtig ist dabei der Aspekt der Selbstorganisation sowie die Einbeziehung gruppendynamisch-kollaborativer Prozesse, was sich nicht zuletzt im langjährigen (Mit-)Betreiben verschiedener Projekträume und den kürzlichen Gründungen von „Studios New Amerika“ und des „Institut für Betrachtung“ in Aachen und Köln widerspiegelt.

Auge und Welt bietet den bislang umfangreichsten Einblick in die verschiedenen Aspekte des seit 2003 dezidiert als Œuvre entwickelten Projekts von Tim Berresheim. Die Ausstellung setzt dabei verschiedene formal und inhaltlich aufeinander bezogene Komponenten ein: So sind auf einer eigens für die Ausstellungssituation entwickelten Wandtapete unterschiedliche Bildformate arrangiert, die kompositorisch komprimierte Inserts innerhalb einer visuell ausladenden Rahmenerzählung bilden; eine funktionale Bühne, skulpturale Variablen sowie ein Verkaufsdisplay mit einer breiten Palette von Merchandising-Artikeln erweitern das Tableau zum installativen Ganzen, das seine Brüchigkeit keineswegs verschleiert, sondern die Aufmerksamkeit für spezifische Details, für bestimmte Funktionen eher noch schärfen hilft.

Das prekäre Verhältnis vom Ganzen zum Detail kennzeichnet zugleich die digital, auch mittels in den Naturwissenschaften und der Militärtechnik Verwendung findenden Simulationsprogrammen, generierten Bilder Berresheims, die dennoch nicht auf handwerkliche Anteile der Zeichnung und des Grafikdesigns, subkulturelle Referenzen auf Comics und Tätowierungen, die Assoziation von Traumbildern oder Drogenerfahrungen verzichten wollen. Die überwältigende Prägnanz dieser Bilder, bei denen als Computer-Generated Images (CGI) erzeugte Motive, fotografische Einspielungen und digital emulierte Bewegungsprozesse miteinander verschmolzen und als High-Res-gerenderte Kompositionen als spezifisches Bildformat ausgedruckt oder ausbelichtet werden, scheint regelrecht in Konkurrenz zur Wirklichkeit treten zu wollen.

Die Faszination am konstruktivistischen Potenzial, dem algorithmisch perfektionierten „Als-ob“ digitaler Technologien hält dem Unbehagen an ihren, längst aktiv, realitätsbildenden Effekten die Waage. Auch deshalb ist es mehr als nur subkulturelle Folklore, wenn Berresheim am Moment des Kooperativen festhält, seine durch das DiY-Prinzip des Punk geformte künstlerische Praxis für Gruppendynamik, Improvisation und Selbstorganisation offenhält.

Tim Berresheim (Jg. 1975) lebt und arbeitet in Aachen.

Installationsansichten 2014, Foto Peter Wildanger

Yesterday Paradise - Wir Mitläufer

Eine kurze Ausstellung in den Ruinen von Zum Beispiel „Les Immatériaux“

16. bis 17.8.2014
Eröffnung: 15.8.2014, 19.30 Uhr

Die noch immer mit dem Internet assoziierten Eigenschaften, wie die Möglichkeit der freien globalen Kommunikation, Egalität und Anti-Zentralismus sowie die damit verbundenen Hoffnungen eines demokratischen Potentials, haben sich nicht erfüllt. Interaktivität, einst von Bertolt Brecht als Utopie eines emanzipatorischen Mediengebrauchs proklamiert, wurde als Diktum zum zentralen Instrument der Kontrolle. Jeder, der Informationen sendet, wird überwacht. Durch permanente Zirkulation wandern und wuchern Datensätze - teils sich selbst algorithmisch reproduzierend, teils durch die menschliche Hand, aber niemals ohne agency. Dabei hinterlassen sie ihre Spuren in der materiellen Welt und formen diese durch ihre Implikationen.

Die so entstehende Vielheit an parallelen, sich in Echtzeit generierenden Historizitäten, hat längst einen Punkt erreicht, an dem sie sich von einem menschlichen Bewusstsein nicht mehr zu einem Ganzen fassen lässt. Das Internet hat die Grenzen der Welt, aus der es sich speist, überschritten. Vollständig abgebildet hat es sie dabei nie. In dem Ausstellungsprojekt „Yesterday Paradise“ setzt eine Gruppe KünstlerInnen gemeinsam der Unmöglichkeit der großen, digitalen Erzählung eine Pluralität subjektiver Geschichtsschreibung entgegen. Sie schauen zurück auf ihre Geschichten von einem Ding, das es so nicht mehr gibt: das Internet.  

Hunter S. Thompson war schon aus der Zeit gefallen als er 1971 versorgt mit der wahnwitzigen Mischung sämtlicher gängigen Amphetamine, Narkotika und Psychedelika noch mal nach Vegas fuhr, um den Resten eines kalifornischen Traums nachzuspüren. Diesem juvenilen Gefühl, „der Sieg über die Kräfte des Alten und Bösen sei unausweichlich“, weil eine ganze Generation gerade „auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle“ ritt.

 „Und jetzt, weniger als fünf Jahre später, kannst du auf einen steilen Hügel in Las Vegas klettern und nach Westen blicken, und wenn du die richtigen Augen hast, dann kannst du die Hochwassermarkierung fast sehen – die Stelle, wo sich die Welle schließlich brach und zurückrollte.“

Lange war uns nicht klar, mit welcher Welle wir schwammen als Jahrzehnte später, in den beginnenden Neunzigern, berauschte Pioniere an neuen Formaten schrieben. Wir haben auch den Moment des Wellenbruchs verpasst, aber im Nachhinein wird man ihn wohl auf das Jahr 2004 datieren müssen (vielleicht auch früher, John Perry Barlow spricht von 1996, was einleuchtet). In kurzer Zeit waren die vielen utopischen Programmzeilen mit neuen Bedingungen überschrieben. Stärkere Kräfte hatten investiert. Die Welle schepperte zurück.

Anders als die von Thompson, anders als die der sechziger und siebziger Jahre, gründete die Wucht dieser Welle nicht in der Hoffnung auf die bewusstseinsverändernde Kraft von Musik, Marxismus, Sex und Drogen (das auch) – das zentrale Versprechen lieferten Nullen und Einsen. Die strukturaufweichende Energie des Digitalen war der Sturm hinter dem Wachsen einer Welle, die immer mehr Köpfe ergriff. Wie gesagt, wir nahmen sie damals weniger als solche wahr. Wir waren kleine pickelige Mitläufer, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah, als ihr 386er sich erstmals ins Telefonnetz klinkte.

Den höchsten Wasserstand erkennt man immer erst im Nachhinein. Wahrscheinlich findet sich auch die Marke dieser Welle irgendwo im Kalifornischen, wo nun abermals ein paar Aus-der-Zeit-Gefallene mit zugekniffenen Augen durchs Silicon Valley kurven. Hier und heute hat sich die See beruhigt und es ist schwer zu sagen, ob das gut oder schlecht ist. Uns bleibt nur mehr die Wahl zwischen Verklärung und Realpolitik. 
Carsten Benger, Moritz Herda, Dominic Osterried und Steffen Zillig

Kuratiert von Roy Huschenbeth.

Im Rahmen der Ausstellung findet am 16. August um 16.00 Uhr ein Vortrag des Autors und Künstlers Stefan Heidenreich über die Entwicklung des Internets und das Ende der Medien statt.

Installationsansichten 2014

Quadriennale 2014

Zum Beispiel „Les Immatériaux“

5.4. bis 10.8.2014

Mit Marie Angeletti, Michael Dreyer, Constant Dullaart, Florian Hecker, Alwin Lay, Rabih Mroué und Peter Weibel und mit originalen Arbeiten der Ausstellung Les Immatériaux von Giovanni Anselmo, François Morellet und Philippe Thomas.

 

Zum Beispiel „Les Immatériaux“ ist eine Ausstellung übers Ausstellen. Sie bezieht sich auf das mittlerweile mythische Ausstellungs- und Publikationsprojekt Les Immatériaux, das federführend von dem einflussreichen Postmoderne-Theoretiker Jean-François Lyotard kuratiert wurde.

Als seinerzeit von Fachwelt und breitem Publikum kontrovers aufgenommenes kuratorisches Experiment fällt es schwer, sich heute ein adäquates Bild davon zu machen. Das 1985 im Pariser Centre Georges Pompidou realisierte Projekt will auch im Rückblick nicht den Kategorien einer Kunst- oder Technikausstellung entsprechen; seine komplexe inhaltliche Thematik – die sprichwörtlich gewordenen „immatériaux“ als Beschreibung des technologischen und epistemischen Wandels in unserem Verhältnis zu ‚Material’ – lässt sich kaum auf einen einfachen Nenner bringen. Ganz aus der Philosophie heraus gedacht, entwarfen Lyotard und sein Team Les Immatériaux als Gesamtkunstwerk, das selbst noch die Ebene der Vermittlung – z. B. Audio-Guide, Publikationen und das Begleitprogramm zur Ausstellung – einbezog. In diesem Sinn wollte Les Immatériaux als Werk verstanden werden, sollte das philosophisch-kuratorische Szenario zur Dialektik von Fortschrittskonzepten für seine BesucherInnen als multimedialer Schock unmittelbar zu erleben sein.

Les Immatériaux exemplarisch heranzuziehen hat verschiedene Gründe. In der Art, wie Lyotard das Medium der Ausstellung zur Vergegenwärtigung seines theoretischen Projekts einsetzte, war – wie die darin formulierte Zukunftsperspektive selbst – ebenso treffend wie beispiellos. Gleichwohl fiel die Wirkungsgeschichte des damals Schlagzeilen schreibenden Projekts seitdem erstaunlich gering aus. Der seinerzeit erhoffte breite Diskurs über den im Format der Ausstellung skizzierten Wandel in Kunst, Technologie und Wissen an der Schwelle der Ära des Digitalen und dessen Effekte auf uns, verebbte schnell. Letztlich war der gezielt bis zur Überforderung getriebene kultur- und zeitgeschichtliche Parcours mit unterschiedlichsten Exponaten aus den Künsten sowie dem technologischen und wissenschaftlichen Bereich doch zu sehr ‚Ausstellung’.

Im gegenwärtigen Trend in der künstlerischen und kuratorischen Praxis historische Ausstellungen ihrerseits wieder zum Gegenstand von Ausstellungen zu machen, stellt Zum Beispiel „Les Immatériaux“ die Frage nach der Ausstellbarkeit generell. Ist es nicht der präsentische Charakter des Mediums ‚Ausstellung’ selbst, das unser Verhältnis zu ihrem Material, den gezeigten Objekten ebenso wie dem darin verhandelten Wissen zu klären hilft? Anders gefragt, was hat man eigentlich von einer Ausstellung zu erwarten?

Das Projekt des Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen ist in diesem Sinne ein Aperçu über das Kuratorische selbst. Indem Zum Beispiel „Les Immatériaux“ Elemente einer Studienausstellung – ein diskursiver Parcours aus Archivalien zum historischen Projekt und eine Auswahl originaler Exponate – mit der Präsentation aktueller künstlerischer Arbeiten experimentell verschränkt, ruft die Ausstellung immer wieder das Moment des ‚Präsentischen’ in Erinnerung, das freilich immer nur individuell zu vergegenwärtigen ist. 

Zum Beispiel „Les Immatériaux“ ist der Beitrag des Kunstvereins zur Quadriennale Düsseldorf 2014, die sich unter dem Titel Über das Morgen hinaus in dreizehn Ausstellungen künstlerischen Zukunftsperspektiven widmet.

Kuratiert von Hans-Jürgen Hafner und Christian Kobald.

 

Heftchen

Installationsansichten 2014, Foto Katja Illner, Nemo Nonnenmacher

Florian Hecker

Rearranged Playlist as Auditory Scene Synthesis

Dienstag, 10. Juni 2014 um 20 Uhr

Florian Hecker arbeitet hauptsächlich mit synthetischem Klang und nutzt dafür Performance, Installation sowie Tonträger- und Printveröffentlichungen als Format. Seine Arbeiten behandeln spezifische kompositorische Entwicklungen der Nachkriegsmoderne, elektroakustische Musik sowie andere nichtmusikalische Themengebiete.

Rearranged Playlist as Auditory Scene Synthesis wird am Dienstag den 10. Juni um 20.00 Uhr live im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen aufgeführt/performed. Die Arbeit ist Florian Heckers künstlerischer Beitrag zur aktuellen Gruppenausstellungen Zum Beispiel „Les immatériaux“. Dieses Projekt bezieht sich auf die bekannte historische Ausstellung Les Immatériaux (1985), die seinerzeit von dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard im Centre George Pompidou kuratiert wurde.

Processed Performance Still 1 + 2
Florian Hecker, 3 Channel Chronics, Performance, Push & Pull, mumok, Wien, 12. Oktober 2010
Foto Manuel Gorkiewic
Courtesy Florian Hecker, Sadie Coles HQ, London und Galerie Neu, Berlin

Rosa Sijben

THINGS YOU KNOW

15.2. bis 16.3.2014
Eröffnung: 14.2.2014, 19.30 Uhr

Is the notion of art just depending on the way we think/look? Or is it intrinsic to the art object? Can, in general, objects be the source, take the initiative in how we think/look and if so, how comes?
Rosa Sijben

Inwieweit werden Beschaffenheit und Sinn eines Dings von seiner Umgebung bestimmt? Und wie wirkt sich die Anwesenheit eines Dings auf die Qualität und Bedeutung seiner Umgebung aus? In THINGS YOU KNOW, ihrer ersten institutionellen Ausstellung in Deutschland, untersucht Rosa Sijben (Jg. 1988) die komplexen Beziehungen, die sich zwischen der spezifischen Beschaffenheit und Funktion eines Objekts an und für sich und der jeweiligen Situation ergeben, worin sich dieses Objekt befindet. Zugleich gilt ihre Aufmerksamkeit dem Ort, den das Konzept der Kunst und ihre Objekte ganz allgemein in der Welt und demnach konkret in unserer Lebenswirklichkeit einnehmen können. Die niederländische Künstlerin integriert skulpturale, installative und performative Arbeitsweisen zu einer künstlerischen Praxis, die – in Form situationsbezogener Choreographien – die Räume des Gesellschaftlichen, Ökonomischen und Ästhetischen ausmisst und in ihrer jeweiligen Beschaffenheit neu zu fassen lehrt.

Begrüßung: Georg Kulenkampff, Vorsitzender

Einführung: Hans-Jürgen Hafner
 

Installationsansichten 2014, Foto Katja Illner

Mit freundlicher Unterstützung von

Das Beste vom Besten

Vom riskanten Geschäft der Kunst

19.10.2013 bis 5.1.2014
Eröffnung: 18.10.2013, 19.30 Uhr

TeilnehmerInnen: Robert Barry, Dan Graham, Calla Henkel und Max Pitegoff, Jörg Immendorff, Louise Lawler, Lee Lozano, Alfred Müller, Ken Okiishi, PROVENCE, Fatima al Qadiri, readymades belong to everyone®, Chris Reinecke, Gerhard Richter, Caspar Scheuren, Tino Sehgal, Haim Steinbach, Elaine Sturtevant, Goran Trbuljak und Heimo Zobernig mit Jakob Lena Knebel/Markus Hausleitner

Publikationen und Dokumente u. a. von und zu Ian Burn, Marcel Broodthaers, Eberhard Fiebig, Helmut Rywelski/Galerie art intermedia, PSR und Seth Siegelaub sowie zur Ausstellungsreihe Prospect ’68 bis ’71 in der Kunsthalle und dem Kunstverein Düsseldorf.

Kunst und Kommerz stehen in einem notorisch problematischen Verhältnis zueinander. Ein Blick in die Feuilletons beweist, dass Kunst nur dann verstärktes mediales Interesse erfährt, wenn sie durch Preisrekorde auf sich aufmerksam macht. Dagegen findet eine breitenwirksame Auseinandersetzung mit ihren aktuellen Formen, Themen und Anliegen kaum, eine sachkundige Diskussion ihrer derzeitigen ästhetischen Dimension oder gesellschaftlichen Rolle überhaupt nicht statt. Kunst scheint nur dann Nachrichtenwert zu besitzen, wenn sie sich teuer verkauft.

Umgekehrt wird gegenüber einer Kunst, die sich zu gut verkauft, allzu gerne der pauschale Vorwurf laut ‚kommerziell’ zu sein oder – im schlimmsten Fall – gar ‚auszuverkaufen’. Kunst, die einen dezidiert politischen oder kritischen Anspruch verfolgt, schlägt bei gleichzeitigem ökonomischen Erfolg seitens der Kritik und nichtkommerzieller Institutionen allergrößtes Misstrauen entgegen. Marktgängigkeit und kritisches Potenzial schließen sich offenbar also von vorneherein aus. Die Ausstellung „Das Beste vom Besten“ will an diesen verhärteten Fronten rütteln und macht sich das, vielleicht unauflösbare, Spannungsverhältnis zwischen der wahren Kunst und der Kunst als Ware zum Thema.  

Im historischen Rückblick wird nämlich deutlich, dass sich die Kunst paradoxerweise erst zu Markte tragen und verkaufen musste, um zu der Kunst zu werden, wie wir sie heute kennen. Ihre Autonomie ist also teuer erkauft: Die Kunst musste zuerst Ware werden und sich darüberhinaus ihren eigenen Markt produzieren, um sich ihre – selbstverständlich immer nur relative – Unabhängigkeit gegenüber ihrer höfischen und kirchlichen Auftraggeber herzustellen.

Dieses riskante Geschäft dürfte sich freilich gelohnt haben. Bis heute profitiert die Kunst von diesem Spannungsverhältnis. So haben sich gerade diejenigen künstlerischen Praktiken, die als explizit kritisch gelten, häufig in produktiver Wechselwirkung mit dem Kunstmarkt und nicht in Opposition zu ihm formiert, wie es die Geschichte der Conceptual Art belegt. An ihrem Beispiel wird das Ineinandergreifen ästhetischer, ökonomischer und institutioneller Interessen im Zuge ihrer Etablierung als künstlerisches Genre besonders gut sichtbar. Nebenbei bemerkt, wurden maßgebliche Kapitel dieser Geschichte in den Rheinlanden geschrieben und sind deutlich von der Risikobereitschaft rheinischer Kunsthändler geprägt.

Aktuell scheint sich die Kluft zwischen dem, was auf Auktionsmärkten spekulativ als das Beste vom Besten gehandelt wird, und jener kunstbetrieblichen Wirklichkeit, wie sie das überwältigende Gros der daran Beteiligten erlebt, nochmals zu verbreitern. Umso dringender ist danach zu fragen, was den Wert der Kunst eigentlich ausmacht, der sich eben doch nicht nur in Preisen sondern auch in ihrer Bedeutung bemisst. Dabei hat eine Generation jüngerer KünstlerInnen in ihrer künstlerischen Praxis längst die verschiedenen und oft geradezu in Widerspruch zueinander stehenden Ansprüche und Wertzuschreibungen an die Kunst zum Thema gemacht. Zu recht. Denn diese gilt es in ihrer Unterschiedlichkeit vielleicht sogar noch zu verschärfen – statt uns immer nur mit dem ewig Besten der Rankings und Rekordpreise abspeisen zu lassen.

 

Zur Ausstellung ist eine Publikation mit Beiträgen von u. a. Hubertus Butin, Gerrit Gohlke, Hans-Jürgen Hafner, Barbara Hess, Astrid Mania, Alexander Koch und Christian Nagel erschienen.

Installationsansichten 2013, Foto Katja Illner

Mit großzügiger Förderung von

 

Brenna Murphy

22.6. - 29.9.2013

Eröffnung: 21.6.2013, 19.30 Uhr

Die Computer-generierten Arbeiten der Amerikanerin Brenna Murphy (Jg. 1986) erinnern an die psychedelischen Motive der Hippie-Ära. Häufig nur online ansehbar, orientiert sie sich an der traditionellen Folk Art sowie ihrer naturalistisch-spirituellen Ansätze, die sie durch ihre experimentelle Auslotung der digitalen Möglichkeiten in die jetzige Zeit übersetzt. Die scheinbar unendlichen Weiten der konstant verbesserten Grafikprogramme und der sich dadurch ergebene, stetig erweiternde künstlerische Spielraum, ist für Murphy hierbei von nicht zu unterschätzender Bedeutung. 

Ebenso stehen bei ihren selbst gebauten Musikinstrumenten, Soundinstallationen und -arrangements sowie individuellen Musikaufnahmen der künstlerische Schaffensprozess und die Verknüpfung von folkloristischen Bräuchen mit modernen, digitalen Techniken im Vordergrund. Die Ausstellung wird von Constanze Murfitt kuratiert.

Installationsansichten 2013, Foto Katja Illner

Den Link zu der Homepage von Brenna Murphy, die von ihr täglich aktualisiert wird und ein Teil ihrer medienübergreifenden Arbeit ist, finden Sie hier:

bmruernpnhay.com

 

Proposals and Propositions

7. bis 9.6.2013

Vom 7. bis 9. Juni 2013 finden im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen drei Veranstaltungsabende statt, die sich aus künstlerischer und theoretischer Sicht "Vorschlägen" und "Thesen" widmen. Mit dabei sind u. a. der in Amsterdam lebende Künstler Balthazar Berling (Jg. 1985), der im Kunstverein seine neue Performance vorstellen wird, sowie das Kollektiv Studio for Propositional Cinema. 

Programm 

Freitag, 7.6.2013 um 19.30 Uhr

NEW MEN, eine Performance von Balthazar Berling 

Samstag, 8.6.2013 um 19.30 Uhr

 „Inauguration! Inauguration! Proclamation! The underground activities of the Studio for Propositional Cinema have gone under-recognized for too long. It is time for the implications of their actions to be distributed throughout the culture. Hans-Jürgen Hafner and Adam Harrison with deliver speeches amongst a display of posters for films that may or may not be produced by Studio for Propositional Cinema. If flight patterns allow, the Cape Verdean film collagist Vanda Villeneuve will be in attendance. This doesn't mean that you possess us. We're haunting you because you let us. You, yes you.“ 

Parallel wird im Schaufenster des Kunstvereins an der Neustraße eine Präsentation des Studio for Propositional Cinema eröffnet.

Sonntag, 9.6.2013 um 17.30 Uhr

Einführung und öffentliches Gespräch von und mit der Kuratorin Stephanie Seidel und Balthazar Berling über dessen Performance NEW MEN (als Vorschlag für eine neue Bewegung). 

Installationsansichten, Foto Studio Mareike Föcking

Gunter Reski

Doktor Morgen neue Sorgen borgen

9.3. bis 26.5.2013
Eröffnung: 8.3.2013, 19.30 Uhr

Bild und Text spielen in der Malerei von Gunter Reski (Jg. 1963) eine gleichermaßen bedeutsame Rolle. Auch deshalb ist konsequent, wenn in den oft direkt auf die Wand expandierenden Bildformaten des Künstlers der Bezug zu Vermittlungstechniken der visuellen Kommunikation (Plakat, Wandmalerei, Agit-Prop, Pop- und Werbeästhetiken) gesucht wird. 

So plakativ, ja geradezu offensiv Reskis Bilder auf Anhieb daherkommen – ihr Hauptmerkmal ist, wie erfinderisch und variantenreich sie sich immer wieder Malerei als ihr eigentliches Thema herstellen; und wäre es nur zu dem Zweck, ihr dabei den immanent engen Horizont vorzuwerfen, der entsteht wo die Malerei zur Institution geronnen, Bank geworden ist, die, gleichsam automatisiert, Kunstdividende abwirft. Als Künstler, Autor und Kurator wurde Reski Anfang der 1990er Jahre aktiv. In dieser Zeit war es gerade innerhalb progressiv verorteter künstlerischer Milieus alles andere als selbstverständlich, zu malen. 

Dies spiegelt sich in der zeittypischen Offenheit von Reskis künstlerischer Praxis wider, speziell in der Art, wie sie über die Malerei hinaus konzeptuelle, theoretische und vermittelnde Arbeitsweisen in sich aufnimmt. Zugleich bleibt das nicht ohne Einfluss auf das eigentliche malerische Werk und macht es gerade aus historischer Perspektive aktuell aussagekräftig. Nicht selten war – und ist es bis heute – der Widerstand gegen intellektuelle Moden und künstlerischen Zeitgeist, der dazu motiviert, von allen in der Kunst verfügbaren Werkzeugen ausgerechnet zum Pinsel zu greifen; der alleine dafür sichere Applaus kommt jedoch nicht zwangsläufig von der richtigen Seite. 

 

Doktor Morgen neue Sorgen borgen ist die erste institutionelle Werkschau Gunter Reskis. Die Ausstellung im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, zeigt neben einer retrospektiven Auswahl von Gemälden und Papierarbeiten aus zwei Jahrzehnten neue Arbeiten des Künstlers, u. a. eine für das Foyer des Kunstvereins eigens entwickelte Wandmalerei. 

Im Rahmen der Ausstellung findet am Donnerstag, 25. April 2013, um 19.30 Uhr im Foyer des Kunstvereins der Vortrag „Zu alter Whisky“ von Hans-Jürgen Hafner statt.

Installationsansichten 2013, Foto Katja Illner

Tobias Brembeck, Anja Ciupka, Andreas Fischer, Sabrina Fritsch, Roland Gätzschmann, Daniela Georgieva, Manuel Graf, Elmar Hermann, Marcus Herse, Simone Junker, Jan Kämmerling, Seb Koberstädt, Ulrike Kötz, Yun Lee, Anne Pöhlmann, Felicitas Rohden, Jeannette Schnüttgen, Therese Schult, Monika Stricker, Chris Succo, Thomas Trinkl, Jochen Weber, Christoph Westermeier, Manuela Wossowski

Von Wanderern, Wilderern & Dilettanten
10 Jahre dHCS - Stipendium

02.02. bis 17.2. 2013
Eröffnung: 01.02.2013, 19.30 Uhr
Finissage: 17.2.2013, 15.00 Uhr

Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen startet das Ausstellungsjahr 2013 mit einem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Projekt. Denn „Von Wanderern, Wilderern & Dilettanten“ ist eine Jubiläumsausstellung: Zehn Jahre dHCS-Stipendium gilt es zu feiern. Wir freuen uns sehr darüber, dass sich gleich 24 Künstlerinnen und Künstler – sie sind allesamt ehemalige StipendiatInnen – an der Ausstellung beteiligen. Zugleich erlaubt die Schau einen Ausflug hinter die Kulissen und zeigt einen wichtigen Aspekt unserer inhaltlichen und vermittelnden Arbeit auf, die wir, oft unbemerkt, parallel zu unserem öffentlich gut sichtbaren Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm leisten. 

Wenn wir zehn Jahre dHCS-Stipendium feiern, sagen wir zuallererst Dankeschön an den Stifter. 2003 wurde es als Atelierstipendium initiiert. Es wird von dem Düsseldorfer Traditionsunternehmen de Haen-Carstanjen und Söhne zusammen mit dem Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen im Turnus von zwei Jahren vergeben. Dezidiert spricht es StudienabgängerInnen der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf an und ist daraufhin ausgelegt, den Einstieg in den ‚Beruf Künstler’ zu erleichtern. Zugleich versteht sich das dHCS-Stipendium als Beitrag zur Förderung des Kunststandorts Düsseldorf, indem es dazu ermutigt, die ersten Karriereschritte nach der Akademiezeit vor Ort zu wagen. 
Den jeweiligen dHCS-StipendiatInnen stehen dabei, immer für einen Zeitraum von zwei Jahren, große Ateliers, aktuell in einem Ateliergebäude in Düsseldorf-Reisholz, zur freien Verfügung, während sie zugleich vom Team des Kunstvereins betreut werden. Wie wichtig es ist, günstige Arbeitsbedingungen gerade für junge Künstlerinnen und Künstler am Anfang einer nach wie vor sehr schwer einzuschätzenden Berufslaufbahn zu schaffen, liegt auf der Hand. Wie erfolgreich und nachhaltig der Ansatz des dHCS-Programmes tatsächlich ist, spiegelt sich darin wider, wie viele der bisherigen StipendiatInnen auch lange nach dieser frühen Förderung noch in der Düsseldorfer Szene verwurzelt und darin weiterhin aktiv sind, vor Ort oder in der Region leben und arbeiten. Und immerhin: in den zehn Jahren seines Bestehens konnten bereits 26 junge Künstlerinnen und Künstler von dem Stipendium profitieren. 

Die Jubiläumsausstellung „Von Wanderern, Wilderen & Dilettanten“ ist zugleich ein kleines Experiment für uns. Denn von den TeilnehmerInnen diesmal selbst konzipiert, zeigt die Ausstellung beinah automatisch ein breites Panorama, das dennoch die individuellen künstlerischen Ansätze in den Vordergrund rückt. Der Titel war ein Vorschlag von Thomas Trinkl, der 2005/2006 dHCS-Stipendiat war: Die darin bezeichneten Wanderer, Wilderer und Dilettanten beschreiben sehr gut die künstlerische Vielfalt und Unterschiedlichkeit, welche letztendlich der verbindend gemeinsame Nenner zwischen den verschiedenen StipendiatInnen bilden. Und gleichzeitig klingt an, dass der ‚Beruf Künstler’ nach wie vor ganz verschieden ausgelegt werden kann und sich – Welches gesellschaftliche Feld erlaubt das eigentlich noch und bezieht genau daraus seine Brisanz? – professioneller Standardisierung in erfrischender Weise entzieht. 

Gerne begrüßen wir Sie außerdem zur Finissage der Jubiläumsausstellung am Sonntag, den 17. Februar 2013 um 15 Uhr. Dann laden die aktuellen StipendiatInnen Elmar Hermann, Anne Pöhlmann, Felicitas Rohden und Christoph Westermeier zum Abschluss ihrer Ateliergemeinschaft zur DIDAKTISCHEN DISKO in den Kunstverein ein.

Installationsansichten 2013, Foto Katja Illner

Henry Flynt

Activities 1959-

6.10.2012 bis 20.1.2013
Eröffnung: 5.10.2012, 19.30 Uhr

Kunst ist nur ein Aspekt innerhalb des umfassenden transdisziplinären Projekts, an dem Henry Flynt seit 1959 arbeitet. Die Ausstellung Henry Flynt: Activities 1959- im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, will diesem Sachverhalt Rechnung tragen, auch wenn sie den Fokus selektiv gerade auf die künstlerischen Arbeiten Flynts legt.

Die erste institutionelle Einzelausstellung des 1940 geborenen Philosophen, Mathematikers, Wirtschaftswissenschaftlers, Künstlers, Komponisten und Musikers bietet einen retrospektiven Überblick über dessen kunstbezogenen Arbeiten und zeigt darüber hinaus neue, im Rahmen der Ausstellung erstmals realisierte Werke. Eine Auswahl von Dokumenten erlaubt zudem, Flynts Projekt zeitgeschichtlich zu verorten.

 In seinen künstlerischen Arbeiten und speziell mit der von ihm bereits 1961 definierten „Concept Art“ fordert Henry Flynt die Grundannahmen heraus, auf der die Institution der Kunst traditionell aufbaut. Das ausnehmend kritische Potenzial, das Flynts künstlerische Praxis auf allen Ebenen ausmacht, hat eine angemessene Rezeption seines Werks bis heute weitgehend verhindert. Das allein ist schon Grund genug, eine erste Darstellung dieses Ausnahmeprojekts zu wagen.

Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit Henry Flynt entstanden.

 

Henry Flynt: Token, 2011, Arbeit für das Internet. Courtesy Henry Flynt

Installationsansichten 2012, Foto Katja Illner

Videotour von Henry Flynt durch die Ausstellung (Kamera/Sound Alexander Lorenz)

vimeo.com/53221093

The General Situation: Flynt and Hennix in Conversation, Mitschnitt vom 6. Oktober 2012 im Kino des Museum Ludwig, Köln (Sound: Brendan Reilly/Taketo Shimada, Foto: Claudia Kugler)

vimeo.com/56872802

Mit freundlicher Unterstützung von

Paulina Olowska, Vincent Vulsma, Martin Zellerhoff

We Aren’t Musicians

7.7. bis 9.9.2012 
Eröffnung: 6.7.2012, 19.30 Uhr

Von ihrer Herkunft aus dem Handwerklichen hat sich die Kunst, so wie wir sie seit rund 200 Jahren verstehen, erfolgreich emanzipiert. Und ein Blick auf die enorme Bandbreite ihrer möglichen Erscheinungsformen heute zeigt: ein spezifisch ‚künstlerisches’ Können oder besondere fachliche Meisterschaft reichen nicht mehr hin, um künstlerische Arbeit zu bewerten oder sie ganz grundsätzlich erst als solche zu identifizieren. Was zur Kunst eigentlich qualifiziert, ist für ihre MacherInnen genauso wie für ihre BetrachterInnen zu einer – nicht immer eindeutig zu beantwortenden – Schlüsselfrage geworden.

Die thematische Ausstellung „We Aren’t Musicians“ widmet sich ganz speziell der Frage nach der Rolle, die Könnerschaft in der Kunst derzeit spielt. 

Die teilnehmenden KünstlerInnen Paulina Olowska (Jg. 1976), Vincent Vulsma (Jg. 1982) und Martin Zellerhoff (Jg. 1964) stellen jeweils eine spezielle Auswahl von Arbeiten vor, die einerseits der Ausdruck individueller künstlerischer Anliegens sind; andererseits ist die Auswahl der Arbeit als repräsentativer Einblick in die jeweilige künstlerische Praxis, deren Ansatz und spezifische Verfahrensweise konzipiert. 

Keine eigentliche Gruppenausstellung, erschließt sich das Thema, dem sich „We Aren’t Musicians“ stellen will, im vergleichenden Nebeneinander individueller künstlerischer Praktiken. Die Frage nach dem spezifischen Können steht dabei im Fokus – und bezieht ihre Brisanz aus der Feststellung, dass die drei Beteiligten – bei allen vordergründigen Gemeinsamkeiten, wenn sie relativ traditionelle Kunstobjekte, Skulpturen, Bilder oder Fotografien präsentieren, die jedoch ihrerseits in Form und Inhalt als Träger für völlig verschiedene Anliegen fungieren – strukturell unterschiedlich angelegt sind und wirken.

Installationsansichten 2012, Foto Katja Illner

Dominik Sittig

REPRISE I - AVERSIONEN HYSTERIEN

21.4. bis 24.6. 2012
Eröffnung: 20.4.2012, 19.30 Uhr

Wenn Negation eine Farbe wäre, von den Paletten der deutschen Maler wäre sie nicht wegzudenken. Mit den Farben der Negation gemalte Bilder gehören zwar zum Besten, was Malerei zu bieten hat. Doch übertünchen sie nicht die Inhaltsöde, das moralische Defizit einer Kunst, der ihr Wollen abhanden gekommen ist. Aus Resten der Negation knetet Dominik Sittig Bilder, die sich in die herrschenden Verhältnisse hineinwerfen. Nicht Defätismus, verzweifelt liebende Leidenschaft ist Grund dieser Aversionen und Hysterien herausschreienden Gemälde. Sittig (Jg. 1975), der Chronist, Analytiker und Ankläger seiner Zeit, malt, schreibt und schreit: Besser geht es immer! Auch in seiner ersten institutionellen Einzelausstellung für den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen – in einer Hochburg der deutschen Malerei: Düsseldorf.

Zur Ausstellung ist eine Publikation mit Texten von Hermann Gabler, Fabian Ginsberg, Hans-Jürgen Hafner und Clemens Krümmel erschienen.

Installationsansichten 2012, Foto Jürgen Staack




Josephine Pryde

Miss Austen Enjoys Photography.

4.2. bis 9.4.2012
Eröffnung: 3.2.2012, 19.30 Uhr

Josephine Pryde (Jg. 1967) arbeitet bevorzugt fotografisch. Ihre künstlerische Praxis reicht aber weit darüber hinaus. Zwar greift die englische Künstlerin die technischen und ikonischen Potenziale der Fotografie auf, um visuell ebenso attraktive wie konzeptuell präzise Bilder herzustellen; gleichwohl sollte nicht aus dem Blick geraten, dass sich ihr Werk über viele unterschiedliche Medien und sogar noch bis hinein ins Format der Ausstellung erstreckt.

Mit Josephine Prydes Einzelausstellung Miss Austen Enjoys Photography. im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, eröffnet der neue Direktor Hans-Jürgen Hafner sein Programm, das sich ‚Ausstellen’ immer auch selber zum Thema nimmt. Entsprechend ist Prydes Vorhaben unter doppelten Vorzeichen zu lesen. Mit einer neuen, vor Ort entstehenden Fotoproduktion schafft die Künstlerin eine Rahmenerzählung für den ersten institutionellen Rückblick auf ihre fotografisch-bildnerischen Arbeiten aus zwei Jahrzehnten. Die Retrospektive aufs eigene Werk wird somit Gegenstand einer für den konkreten Anlass konzipierten und teilweise in den Ausstellungsräumen des Kunstvereins realisierten Neuproduktion.

Miss Austen Enjoys Photography. geht also der ganz allgemeinen Frage nach, was es heute bedeuten kann, aus künstlerischer oder aus institutioneller Sicht Ausstellungen zu machen. Die Schau erlaubt es, Ausstellen konzeptionell aus der Perspektive der Produktion sowie der institutionellen Vermittlung zu diskutieren. Die Fragestellung wird zugleich aber sofort an die Bilder und Objekte der Ausstellung zurückverwiesen, die ihrerseits mit der Ausstellungssituation umgehen oder diese sogar thematisieren.

Die von Josephine Pryde für den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, entwickelte Ausstellung Miss Austen Enjoys Photography. wird unter dem Titel Miss Austen Still Enjoys Photography. in der Kunsthalle Bern fortgesetzt.

Installationsansichten 2012, Foto Jürgen Staack