JAHRESGABEN 2016 / 2017

SHANNON BOOL, SOL CALERO, DIANGO HERNÁNDEZ, KAYA, SARAH KÜRTEN, ULRIKE MÜLLER, AILEEN MURPHY, CHARLOTTE PRODGER, STUDIO FOR PROPOSITIONAL CINEMA, ALEX WISSEL, GREGOR WRIGHT

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Shannon Bool

Bride 685/23 3.489 S., 2016 (z.T. verkauft)

Kunstdruck auf Barytpapier, Tinte, 15 x 20 cm

Edition mit Unikatcharakter

Auflage 5 + 2 AP

Je 900,– EUR (inkl. MwSt.)

 

In Malereien, Wandteppichen, Collagen, Fotogrammen und Objekten erforscht Shannon Bool die Gemeinsamkeiten zwischen vormodernen Praktiken und den Repräsentationsweisen „der Frau“ im 20. Jahrhundert im Sinne einer feministisch, ethnologisch und psychoanalytisch informierten Kunstgeschichte. Aus den totemistischen Malagan-Zeremonien in Papua-Neuguinea gingen einige der komplexesten Skulpturen Ozeaniens hervor; häufig vereinten sie weibliche und männliche, tierische und menschliche Elemente und wurden als mit überirdischen Fähigkeiten versehene Bilder verehrt. Ihre Jahresgabe Bride 685/23 3.489 S. zeigt eine feministische Auslegung des „Code du totémisme“ (1905) par excellence: Das Gesicht der Protagonistin wird durch einen Fransenschurz verdeckt, der die Anmutung einer Panflöte besitzt, ihre Arme nehmen kubistische Formen an, Unterleib und Saum ihres Kleides sind mit Ahnenmasken verziert. Ihr Accessoire, ein exotischer Fotostudio-Wedel aus dem Fin de Siècle, zelebriert und unterstreicht die Hyperkonstruktuiertheit des „Weiblichen“ über wechselnde Kulturen, Medien und Jahrhunderte hinweg.

Sol Calero

Dibujo, 13, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Dibujo, 14, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Dibujo, 15, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Ölpastell auf Papier, 29,7 x 42 cm

Gerahmt

3 Unikate

Je 1.400,– EUR (inkl. MwSt.)

 

Ausgangspunkt von Sol Caleros Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit lateinamerikanischen Kulturen und den ikonischen Formen ihrer Ästhetisierung. Im Zusammenspiel von Malerei, skulpturalen Objekten und Requisiten verwandelt sie Ausstellungsräume in verführerische, immersive, tropische Environments: ob ein Friseursalon, ein Salsastudio oder ein Filmset für eine Telenovela, stets sind es Orte der Sozialisierung, die sie nachbildet und an denen Identität performativ zur Aufführung kommt. Für den Kunstverein hat Calero drei Ölpastell-Zeichnungen angefertigt. Auch hier ist es die bewusste Adaption stereotyper Bildmotive, über die sie identitäre Exotisierungsprozesse freizulegen sucht. In Ländern ohne eine ausgeprägte präkolumbianische Kultur, wie es Venezuela eines ist, beeinträchtigen politisch konstruierte Identitäten jene Menschen, deren kulturelle Symbole zunächst von Außen angeeignet wurden, insofern, als dass sie diese recycelten Narrative schließlich selbst als Teil ihrer Kultur annehmen. Analog zu ihrer persönlichen Situation als latein-amerikanische Künstlerin, die den größten Teil ihres Lebens im Ausland verbrachte, kehrt Calero den beschriebenen Prozess um, indem sie genau jene wiederaufbereitete, klischeebesetzte Bildsprache ihrerseits appropriiert und aktivie

Diango Hernández

Tocandose el pelo, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Öl auf Papier, 31 x 24 cm

Gerahmt

Unikat

2.700,– EUR (inkl. MwSt.)

 

Vor 55 Jahren hielt Fidel Castro seine historische Rede „Worte an die Intellek- tuellen“, die mit dem Satz endete: „Innerhalb der Revolution: alles. Gegen die Revolution: nichts.“ Für seine diesjährige Jahresgabe transkribierte Diango Hernández diese Rede und übersetzte sie in eine neue visuelle Struktur: diagrammatische Wellen, die die damals verkündeten Prinzipien der Kulturpolitik ins Piktorale und Grafische überführen, das heißt Sprache in Bild übersetzen. Die kritische Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen Kubas seit 1961 oder auch anderer ehemalig sozialistischer Staaten kennzeichnet neben jenen „wave paintings“ viele seiner Werke, die sich an Alltags- und Naturphänomenen sowie Designgeschichte reiben. In Hernández’ Skulpturen, Installationen, Zeichnungen und Malereien werden vergangene Semantiken und Indices als skripturale, farbliche Schwingungen reaktiviert, die die Betrachter_innen für sich einnehmen.

KAYA

S is for Secret Life (Chamberbag Banana Roll) Geschrumpft, 2015 

(nicht mehr erhältlich)

S is for Sex (Chamberbag Clubhand) Geschrumpft, 2015 

(nicht mehr erhältlich)

S is for Stang (Chamberbag Paramount) Geschrumpft, 2016 (nicht mehr erhältlich)

S is for Shock Collar (Chamberbag Saddlebag) Geschrumpft Monopol, 2016 

(nicht mehr erhältlich)

S is for Safe and Sane (Chamberbag Bone to Bone) Geschrumpft II, 2016

S is for Stocks (Chamberbag 11s) Geschrumpft II, 2016

Vinyl, Digitaldruck, Epoxyd, Vinylkabel, Lautsprecherkabel, Ösen, 52 x 67,30 cm

6 Unikate

Je 2.400,– EUR (inkl. MwSt.)

 

KAYA bezeichnet einen kollektiven künstlerischen Arbeitszusammenhang initiiert von der Malerin Kerstin Brätsch, dem Bildhauer Debo Eilers und Kaya Serene, der Tochter einer Jugendfreundin von Eilers aus Texas. Auftakt nahm das Projekt im Jahr 2010 als Brätsch und Eilers die damals 13-Jährige zu einer Ausstellungsbeteiligung in New York einluden. Seither bildet Kaya in wechselnden Rollen den Ausgangs- und Mittelpunkt von KAYA – als Sujet, als autorisierte Muse oder als aktive Mitarbeiterin. Neben dem Interesse an Momenten des Unvorhersehbaren verfolgt KAYA die potenzielle Erweiterung skulptural-malerischer Forschungen um einen realen Körper als Material und Gegenstand. Entsprechend vereinen sich auch in den sechs für den Kunstverein produzierten Jahresgaben Brätschs und Eilers’ individuelle Arbeitsfelder zu einer vielschichtigen und transdisziplinären Praxis. Als Teil einer fortlaufenden Serie von so genannten „Chamberbags“ agieren diese als Behältnisse einer Art Intersubjektivität, welche die individuellen Handschriften beider ebenso bewahrt wie sublimiert.

Sarah Kürten

hot-air paranoia (working title), 2016

Laserdruck auf Offset-Papier, 84 x 118,8 cm

Gerahmt

Auflage 3

Je 2.600,– EUR (inkl. MwSt.)

 

„There is no perfect infrastructure in facing the invisibility of all systemic properties.“ In ihrer Jahresgabe für den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen mit dem Titel hot-air paranoia (working title) übersetzt Sarah Kürten die Materialität und Form von Sprache in den Raum. Die Unsichtbarkeit und folgliche Unhintergehbarkeit aller systemischen Eigenschaften der Kunst wie auch die Wirkungsmacht der Imagination sind die Schlüsselthemen dieser sprachbezogenen Arbeit, einem Laserdruck auf Papier. In ihren oftmals ortsspezifischen Objekten, Prints und Installationen werden Farbfelder zu zwei- und dreidimensionalen Trägern von Text, der sich über eine sichtbare Rasterung hinweg – über die visuelle Struktur aufgetrennter (Buch-)Seiten hinaus – auf der Oberfläche ausdehnt. Kürtens konzeptuelle Textarbeiten präsentifizieren Reflexionen zu kunstimmanenten Funktionsweisen, zur Beziehung zwischen Künstler_in und Material, zwischen Kunstwerk und Ausstellung sowie zu den Grenzen künstlerischer Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit.

Ulrike Müller

Snickerdoodle 1 - 7, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Buntstift und papier collé, 27,9 x 21,6 cm

Gerahmt

7 Unikate mit Multiplecharakter

Je 1.200,– EUR (inkl. MwSt.)

 

In ihren Emaille-, Textil- und Leinwandmalereien erforscht Ulrike Müller das emanzipatorische Potential modernistischer Abstraktion und die Möglichkeit seiner gegenderten Fortschreibung in der Gegenwart. Zeichnungen agieren als Mustervorlagen ihrer abstrakt-geometrischen Kompositionen, wobei unter anderem silhouettierte Alltagsgegenstände einen Ausgangspunkt der Formengebung bilden. Analog dazu verwendete Müller für Snickerdoodle 1–7, ihrer Jahresgabe für den Kunstverein, eine Münze und einen runden Keksausstecher. Durch den repetitiven Einsatz gleicher Elemente – eine schwarze mit Buntstift gezeichnete Diagonale sowie collagierte farbige Kreiselemente (deren Textur sich aus eigenen Arbeiten und Architekturklebefolien zusammensetzt) – ist es bei Snickerdoodle 1–7 insbesondere das Spiel mit Variation und Wiederholung, das über das gleichzeitige Recyceln von einst verworfenen Arbeiten als Möglichkeitsraum aktiviert wird.

Aileen Murphy

Take It In, 2016

Latent Pong, 2016

Setting Gaze, 2016

Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm

3 Unikate

Je 3.600,– EUR (inkl. MwSt.)

 

„Murphys Malereien zeigen häufig einzelne Körperteile, die schweben und tanzen. Die Organe und Körperteile rufen durch ihr Grabschen und Fummeln eine nervöse Angst hervor.“* So beschreibt die irische Autorin Ingrid Lyons die neoexistentialistische Malerei Aileen Murphys, die Themen wie Tod, Sexualität, Endlichkeit und das Groteske aus weiblicher Perspektive verhandelt. Ihre drei Jahresgaben für den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen Take It In, Latent Pong und Setting Gaze gehen zurück auf Edvard Munchs kunsthistorisch bedeutende Lithografie Todeskuss (1899) – ein Werk, das die zarte Berührung zwischen einer jungen Frau und einem Totenschädel vorführt. Die zeitgenössische malerische Auseinandersetzung Murphys mit der transformativen Kraft des Lebendigen, Femininen und des Toten, Unlebendigen, evoziert ein farbintensives, dynamisches und korporeales Werden auf der Leinwand: zu sehen sind drei Figuren im Porträt, deren Fazialität sich sukzessiv in eine posthumane und anthropomorphe Landschaft aus Mensch, Tier, Körperteilen und psychischen Energien auflöst.

*[Orig. „Murphy’s paintings often feature singular body parts that hover and dance. The organs and body parts that grope and fumble evoke a nervous angst.“]

Charlotte Prodger

Turiya USB (video still from BRIDGIT), 2016

Fotodruck, 36 x 20,25 cm

Gerahmt

Auflage  12 + 3 AP

Je 850,– EUR (inkl. MwSt.)

 

Ausgehend von einer technologiehistorischen und evolutionskritischen Perspektive befragt Charlotte Prodger die unbewussten Beziehungen zwischen Körper, Sprache und Technik. Ihre konzeptuellen Fotografien, Video- und Soundarbeiten sind inspiriert von prähistorischen Tier- und Pflanzenarten, Jonas Mekas, und Michel Auders Experimental-filmen, Marguerite Duras’ und Dennis Oppenheims Künstler_innenfilmen sowie von Youtube Video-Footage. Für ihre Jahresgabe für den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen präsentiert Prodger ein Filmstill aus ihrer nach der gleichnamigen keltischen Göttin benannten, aktuellen Videoarbeit BRIDGIT (32 min., 2016), eine Abfolge von Sequenzen, die Prodger im Verlauf des vergangenen Jahres gefilmt hat: Landschaftsaufnahmen aus der Umgebung von Aberdeen gepaart mit Einstellungen, die in ihrer Wohnung entstanden sind – alle kaum länger als vier Minuten. Die Potentialität digitaler und queerer Identitäten, immaterieller Verkörperungen und die medien-technischen Konditionen, die den Mythos der wandelnden Göttinnengestalt mit den Nutzungsweisen des iPhones verbinden, werden in Prodgers opak glänzendem Fotodruck Turiya USB angedeutet. Benannt ist die Jahresgabe nach dem von Prodger eigens ausgewählten Pseudonym „Turiya“ für die US-amerikanische Jazzmusikerin Alice Coltrane.

Studio for Propositional Cinema

IN ADVANCE OF A SHIPWRECK: (4KVD), 2016 (z.T. verkauft)

Selbstklebende Folie mit Installationsanweisung, 208,2 x 17,4 cm

Auflage  12 + 4 AP

Je 750,– EUR (inkl. MwSt.)

 

Das Studio For Propositional Cinema hat sich 2013 im Rahmen der Veranstaltung Proposals and Propositions im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen gegründet. Es konstituierte sich in einem Manifest und proklamierte: „Wir sind für Produktion und die Negation von Produktion. Wir sind für Distribution und die Negation von Distribution. Wir sind für Rezeption und die Negation von Rezeption“. Als wiederkehrendes Element durchzieht Sprache nahezu alle Projekte und Arbeitsbereiche des Studio for Propositional Cinema, das anonym, individuell und kollektiv agiert. Der silberne Schriftzug der Jahresgabe ist abgeleitet von der Ausstellung IN ADVANCE OF A SHIPWRECK:, die aktuell im Kunstverein zu sehen ist und deren Titel auf den zu diesem Anlass geschriebenen Text zurückgeht. Auf Folie geplottet überschreibt und verbindet er die äußeren und inneren Architekturelemente des Kunstvereins und verweist auf die Notwendigkeit kultureller Produktion in einer Gesellschaft, die diese zwar zunehmend verweigert, aber „wie Sauerstoff“ braucht. Sind es hier das Schaufenster, die Buchhandlung Walther König, die Fassade und schließlich Foyer und Ausstellungsraum, die zu semantischen Trägern bzw. vergänglichen Zeitkapseln werden, wartet der titelgebende Jahresgabentext mit seinen klimatologischen Metaphern und Endlichkeitsideen nun darauf, den privaten Raum zu überschreiben.

Alex Wissel

The truth, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Which reality?, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Free international university, 2016 (nicht mehr erhältlich)

Buntstift auf Papier, 24 x 32 cm

3 Unikate

Je 650,– EUR (inkl. MwSt.)

 

Bekannt geworden als Initiator zahlreicher lokaler Projekte wie der Oktoberbar oder des Single-Clubs bildet die Auseinandersetzung mit alternativen Modellen kollektiver, öffentlicher Räume den Dreh- und Angelpunkt der künstlerischen Praxis Alex Wissels. Seine Jahresgabe nimmt Bezug auf Rheingold, ein Projekt an dem er seit 2016 mit dem Regisseur Jan Bonny arbeitet. Rheingold beschäftigt sich mit der Figur des Art Consultant Helge Achenbach, der 2015 für die Manipulation von Rechnungen verurteilt wurde, die er selbst vor Gericht als künstlerische Collagen bezeichnet hat. Rheingold knüpft genau hier an, über eine biographische Darstellung hinaus, geht es vielmehr um Fragen wie aus dem Beuys-Diktum „Jeder Mensch ist ein Künstler“ das Selbstverwirklichungsdiktat des Neoliberalismus wurde. Seine Zeichnungen für den Kunstverein collagieren Verweise auf damalige und gegenwärtige Protagonisten, Ideologien und Artefakte zu Erzählungen um Achenbach und ähnliche Machenschaften. Die Seilschaft von Immendorf und Schröder, Cashflow und Honigpumpe, das Campo Bahia (Trainingslager der Deutschen Nationalmannschaft), Lidl Akademie, Aldi und die Fettecke werden zum Ausgangsmaterial einer alternativen (Kunst-) Geschichts-schreibung, die in der zu produzierenden TV Serie ihre Fortsetzung finden wird.

Gregor Wright

Enchanted Shirts, 2016 (z.T. verkauft)

T-Shirt Edition S, M, L, XL

Edition mit Unikatcharakter

Auflage 60

Je 60,– EUR (inkl. MwSt.)

 

In Gregor Wrights Arbeiten finden sich Einflüsse aus Science Fiction Narrativen, okkultistischen Bewegungen, der frühen Game Culture wie auch aus gegenwärtigen posthumanistischen Diskursen. Diese inhaltlichen Zugänge münden in einer Vielzahl unterschiedlicher Medien: Zufall, Logik und Fantasie als wichtigste Faktoren seiner künstlerischen Produktion einsetzend, entstehen raumgreifende Skulpturen, Installationen, Reliefs und Malereien. Die grafische Formensprache seiner diesjährigen Jahresgabe, der T-Shirt Edition Enchanted Shirts, erinnert an Layouts legendärer Computerspiele wie PacMan und Tetris aus den 1980er Jahren. Jedes der einzeln von Hand gefärbten und bedruckten Shirts ist das Ergebnis eines magischokkulten Rituals, das seine Trägerin und seinen Träger vor Schäden schützen soll. Über ihre grundlegende Nähe zu künstlichen Realitäten erforschen Wrights expansive Kompositionen den Raum zwischen Rationalem und Metarationalem und kombinieren Kunst, Popkultur und Lifestyle.